Kategorie: Geschichte

Ein Heimatabend auf Norderney

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Einigen mag es jetzt komisch vorkommen, dass ich eine solche Rentnerveranstaltung besucht habe. Aber wer das einmal mitmacht, wird seine Meinung schnell ändern. Denn Traditionen, wie sie auch vom Norderneyer Heimatverein gepflegt werden, sind wichtig. Sie erzählen über die Vergangenheit, über den eigenen Ursprung. Sie machen uns unterschiedlich und Vielfalt ist gut. Gerade in Zeiten des Kulturimperialismus und der Gleichschaltung durch den Konsum. Es ist schade, dass solche Abende als Rentnerprogramm stigmatisiert sind. Aber wenn man nur Rentner anspricht, kommen meist auch nur Rentner.

Nun zum Heimatabend. Das Kurtheater Norderney ist ein wunderschöner Bau von 1894 im Stil eines Residenztheaters. So stellt sich wohl jeder ein historisches Theater vor. Ich habe auf dem Oberrang gesessen und hatte einen wunderbaren Blick auf Theater und Bühne (siehe Fotos).

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Norderney hieß ursprünglich „Norder neye Oog“, „ney“ ist neu und „Oog“ eine Insel. Sprich Norderney ist die neue Insel vor Norderland bzw. im Norden. Dazu muss mann wissen, dass die Insel erst Mitte des 16. Jahrhunderts durch Sandanspülungen und dem Verschmelzen der ursprünglichen Inseln Burse und Oesterende entstanden ist. Ab wann das „oog“ wegfiel, wurde nicht gesagt, aber es war wohl laut Quellenlage im Netz so um 1700. Der echte Norderneyer spricht von „Nördernee“ oder einfach „Hey“. Gegrüsst wird übrigens mit „He!“(eigentlich „heeh“ von Ahoi) oder auch „Moin“, das bekannte „Moin moin“ allerdings wird nur von den Touristen verwendet und bei den Einheimischen verpönt.

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Der Norderneyer Heimatverein war mit bis zu 18 Personen auf der Bühne, in historischer Norderneyer Kleidung. Neben Heimattänzen und -liedern gab es viele „Döntjes“ lustige Inselanekdoten), wissenswerte Informationen zur Insel und zum Inselleben, insbesondere dem historischen. Gesungen wurden Seemannslieder und Shanties, die eben nicht der identische in der Bedeutung sind.

Inselfolklore – Der Heimatverein Norderney singt „Bei Windstärke 4“
from Christian Paul Stobbe on Vimeo.

Shanties werden zwar auch als Seemannslieder bezeichnet, sind aber eher Arbeitslieder, die auf Schiff bei der Arbeit gesungen wurden. Durch einen Vorsänger, den Shantyman, und den darauf folgenden Refrain der Mannschaft sollte die Arbeit im Gleichtakt und schneller von der Hand gehen. Wenn dann die Seeleute wieder in den Hafen einfuhren, in der Kneipe am Abend ihr Bier tranken oder ein besonderer Anlass zu feiern war, wurden Seemannslieder angestimmt. Auch an den langen Winterabenden wurden von der Familie diese Gesänge beim Flicken der Netze und der Segel angestimmt. Insgesamt gibt es 10 Norderneyer Volkstänze, drei sind auf der Insel entstanden, die anderen sieben wurden „importiert“ und in eine eigene Fassung gebracht bzw. werden auch auf dem Festland getanzt. Grundsätzlich singen und tanzen die Norderneyer gleichzeitig, sowohl Mannlü wie Frolü (Männer wie Frauen).

Inselfolklore – Der Heimatverein Norderney singt „Strike the bell“
from Christian Paul Stobbe on Vimeo.

Dabei brachten die Norderneyer Seeleute Songs, Texte und Melodien aus den bereisten Ländern mit, u.a. aus Frankreich, England, Irland oder den Niederlanden. So gibt es auch auf Norderney englischsprachige Lieder oder Texte, die Frankreich behandeln. Eine Nähe zu den Niederlanden ist eh auch sprachlich vorhanden. Und von den Seefahrten brachten die Seemänner ihren Frauen auch Stoffe und Tücher mit, daher kommen die bunten Halstücher der Norderneyer Frauen, sonst haben die Farben und Muster keine tiefere Bedeutung, z.B. wie die Kiltmuster der Schotten. Einige der Tücher, die am Abend gezeigt wurden, waren schon über 100 Jahre alt.

Inselfolklore – Der Heimatverein Norderney singt „O Jonny, o Jonny“
from Christian Paul Stobbe on Vimeo.

Die Trachtenvariation, die von den Frauen auf ihrer Hochzeit getragen wurde, kam danach sorgsam verpackt in den Schrank – und wurde erst wieder zur eigenen Beerdigung als Totenkleid hervor geholt. Eines von vielen eher morbiden Details der Norderneyer Traditionen, es kommen noch ein, zwei weitere: Wer es sich leisten konnte hatte eine Taschenuhr, die Uhrkette war meist, zumindest bis Ende de 19. Jahrhunderts oft aus Haaren von Frauen geflochten waren. Die Tracht der Norderneyer ist aus der Trauerkleidung entstanden. Ursprünglich trug man diese Kleidung zu Beerdigungen und in Trauerphasen. Da die Seefahrt früher sehr gefährlich war (heute auch, aber anders) und viele Männer auf See blieben, gab es wohl auch oft Anlass für Trauerkleidung. Das schlimmste Unglück in der Geschichte Norderneys war der Verlust von fünf Schaluppen (so nennen sich die Fischerboote) in einer Nacht, von 14 ausgelaufenen Booten kamen nur 9 wieder. Und Norderney hatte 24 Witwer und 96 Waisen mehr. Dazu kamen Seuchen wie die Rote Ruhr im Jahr 1760.

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Anfang des 19, Jahrhunderts waren mehr als 25% der Norderneyer Seeleute, die auf den Segelschiffen auf allen Meeren unterwegs waren, fast alle anderen Männer waren Fischer, die Frauen kümmerten sich um Haus und Kinder, arbeiteten aber den Männern auch zu, z.B. oblag es ihnen, die Köder für die Fischerei zu sammeln. Diese wurden mit einer Mistgabel im Watt ausgegraben und mussten einzeln an den Angelleinen angebracht werden. Danach wurden diese gerafft und auf einem Holzbrett zum Hafen gebracht, das Brett wurde von den Frauen dabei auf dem Kopf getragen.

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Der Norderneyer Fischer und Seemann trägt schon seit Jahrhunderten einen goldenen Ohrring im linken Ohr. Dabei stand aber nicht der schmückende Effekt im Vordergrund, sondern ein ganz pragmatischer Grund: Ging ein Seemann über Bord und wurde irgendwo angespült, konnte der durch den Ohrring identifiziert werden – denn die Ringe trugen eindeutige Muster, Markierungen oder innen eine Gravur mit dem Namen des Seemanns. Und der Materialwert des Ohrrings reichte für eine einfache Bestattung. So sollte sichergestellt werden, dass der Seemann eine christliche Bestattung an Land bekam und nicht namenlos beerdigt wurde. Ich habe eh Ohrlöcher im linken Ohr und werde mir jetzt auch einen entsprechenden Ohrring mit Gravur besorgen. Allerdings glaube ich nicht, dass dieser später mal für eine einfache Bestattung reichen wird. Und diese wäre dann sich noch anonym, etwas das die Seeleute ja vermeiden wollten.

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Alles in allem ein sehr gelungener Abend, nach dessen Ende ich mir die beiden Audio-CDs (u.a. „Mien Nördernee“) des Heimatvereins gekauft habe, digital lässt sich das wohl nicht erwerben. Was aber auch egal ist, denn die CDs sind in Eigenregie produziert und verlegt, sodass meine 15 Euro für beide CDs komplett dem Heimatverein zu Gute kommen.

Inselfolklore – Der Heimatverein Norderney singt „Away for Rio“
from Christian Paul Stobbe on Vimeo.

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